Praxiswissen

Wenn der Innendienst unterbesetzt ist: Was die Urlaubszeit über Ihre Belegprozesse verrät

Urlaubszeit im Innendienst: der Posteingang stapelt sich
Philipp Reitzmann

Philipp Reitzmann

Gründer

8. Juli 2026
7 Min. Lesezeit

Sommer im Büro. Zwei von fünf Personen sind im Urlaub, eine weitere krank. Die Bestellungen, Rechnungen und Rückfragen kommen trotzdem – nur die fleißigen Hände sind weniger. Im Sammelpostfach wächst der Stapel, und der Umsatz muss ja trotzdem stimmen, daher heißt es: „Das Angebot für das neue Projekt machen wir, wenn alle wieder da sind“ oder auch: „Für den Groß-Auftrag kann ich heute aber nicht noch nach besseren Preisen oder kürzeren Lieferzeiten beim Lieferanten schauen.“

Warum der Posteingang im Handel generell so viel Zeit und Geld kostet, erklären wir in E-Mail-Flut im Handel. Heute geht es darum, was die Urlaubszeit sichtbar macht: Ein wachsender Stapel an unbeantworteten E-Mails, eine schlechte Lieferquote oder ausgelassene Vertriebschancen sind kein Personalproblem, sondern ein Prozess-Indikator – und ein ziemlich präziser.

Warum die Urlaubszeit der ehrlichste Prozess-Test ist

Im Normalbetrieb ist ein zu aufwändiger und ineffizienter Belegfluss nur schwer zu erkennen. Erfahrene Mitarbeitende gleichen alles aus – tausend kleine Entscheidungen, die nirgends dokumentiert sind: Sie übersetzen die Freitext-Bestellung eines Stammkunden in die richtigen Artikel, erkennen die Bestellung, die schon einmal per Fax da war, und ergänzen mit Ihrer Erfahrung auf einer Rechnung die fehlenden Angaben. Dieses stille Ausgleichen ist Alltag, kostet aber viel Zeit, die an anderer Stelle sinnvoll genutzt werden könnte. Diese Zeitfresser nicht optimaler Prozesse fallen aber nicht direkt auf, da die Pflichtaufgaben im Team erledigt werden.

In der Urlaubszeit fehlt die Zeit für diesen Ausgleich. Die Vertretung kennt die Eigenheiten der Absender nicht, braucht für denselben Beleg doppelt so lange und lässt im Zweifel liegen, was sie nicht sicher einordnen kann. Der Prozess läuft plötzlich so, wie er ohne das Erfahrungswissen wirklich ist – ungeschminkt. Was sich dann staut, war vorher auch schon nicht gut und fehleranfällig. Es hat nur niemand gesehen.

Im Normalbetrieb

  • Ein Stammkunde bestellt viele kleine Positionen im Freitext, ohne Artikelnummern – diese werden manuell in 10 Minuten zugeordnet.
  • Dieselbe Bestellung kommt per Mail und Fax – die Dublette fällt auf, der Auftrag wird nur einmal angelegt.
  • Auf mancher Rechnung fehlt die Kostenstelle – das fällt im Team auf und die Kostenstelle wird aus dem Stammdaten gesucht und im Auftrag ergänzt, bevor die Buchung zurückläuft.

Der Prozess wirkt stabil.

In der Urlaubszeit

  • Die Vertretung findet den Artikel nicht und muss nachfragen – oder legt die Bestellung zur Seite.
  • Beide Eingänge werden erfasst – der Kunde bekommt Ware und Rechnung doppelt.
  • Die Rechnung wird ohne Kostenstelle gebucht und kommt aus der Buchhaltung zurück.

Der Prozess läuft ungeschminkt.

Viele Unternehmen lösen die Lücke übrigens gar nicht durch Vertretung, sondern durch einen stillen Workaround: Der Urlauber bleibt erreichbar. Laut einer Bitkom-Umfrage vom Juli 2025 sind 67 Prozent der Berufstätigen im Sommerurlaub dienstlich erreichbar – und 57 Prozent glauben, dass die Kolleginnen und Kollegen das von ihnen erwarten. „Ruf doch kurz an, die weiß das“ fühlt sich nach einer Kleinigkeit an. In Wahrheit heißt es: Der Prozess macht keinen Urlaub – er reist mit, im Gepäck der Person, die eigentlich abschalten sollte.

Vertretungsstress ist primär kein Personalengpass, sondern zeigt Verbesserungspotentiale der bestehenden Abläufe – die ehrlichste Analyse, die Sie dieses Jahr bekommen. Und sie kostet nichts.


Selbstcheck: Welche Mails stapeln sich gerade?

Sie brauchen dafür kein Audit und keine Beratung – ein Blick ins Postfach in einer Urlaubswoche reicht. Sechs Fragen, die Sie ehrlich beantworten sollten, um Lücken und Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen:

  • Was bzw. welcher Belegtyp bleibt liegen?

    Bestellungen? Auftragsbestätigungen? Rechnungen? Der Typ, der sich zuerst staut oder am längsten liegen bleibt, ist der mit dem höchsten manuellen Aufwand und Ihr bester Kandidat für eine Verbesserung.

  • Was wartet auf eine bestimmte Person?

    Alles, was „liegen bleibt, bis Frau M. zurück ist“, hängt an Wissen, das nur in einem Kopf existiert – nirgendwo dokumentiert, für niemanden übernehmbar.

  • Wie oft wurde diese Woche jemand im Urlaub kontaktiert?

    Jeder Anruf in den Urlaub ist eine ehrliche Antwort: Die Vertretung ist nur dem Namen nach geregelt – tatsächlich hängt der Prozess weiter an der Person, die gerade nicht da ist.

  • Wo fragt der Kunde zuerst nach?

    Wenn Kunden anrufen, weil die Auftragsbestätigung länger dauert als sonst, sehen Sie live, welcher Prozessschritt nach außen wirkt – und wo Verzögerung direkt beim Kunden ankommt. Das stört Ihre Kunden und hier sollten sie handeln.

  • Was wird nachgearbeitet statt erledigt?

    Rückstände, die nach dem Urlaub „aufgeholt“ werden, verschwinden nicht – sie verschieben die Belastung nur auf die erste Woche danach. Die Unzufriedenheit des Kunden bleibt jedoch. Notieren Sie, wie viele Tage das Aufholen dauert und wie viele Kunden genervt reagieren. Im schlimmsten Fall sagt der Kunde jedoch nichts, sondern bestellt einfach bei der Konkurrenz.

  • Wie lange dauert eine Bestellung in der Urlaubszeit – im Vergleich zu sonst?

    Vom Eingang der Mail bis zur Erfassung im System, bis zum Versand der Ware und dem Rechnungsdruck. Wenn sich diese Zeit in der Urlaubsphase deutlich verlängert, trägt der Prozess sich nicht selbst – er funktioniert nur mit voller Besetzung und höherem manuellen Aufwand.


Was der Stapel über Ihre Prozesse verrät

Hinter fast jedem Urlaubs-Stau stecken dieselben drei Muster. Sie sind das ganze Jahr da – die Urlaubszeit macht sie nur messbar:

Kopf-Wissen statt Allgemein-Wissen

Individuelle Besonderheiten von Kunden und Artikeln stehen nirgendwo aufgeschrieben, sondern sind Erfahrung von Einzelnen. Solange die Person da ist, klappt die Abwicklung und es fällt nicht auf. Fehlt sie, stockt der Prozess.

Postfach ohne Zuständigkeit

Das Sammelpostfach gehört allen – also vertritt es auch niemand wirklich. Jede Mail braucht erst eine Person, die entscheidet wohin sie gehört, bevor überhaupt jemand arbeiten kann. Bei zu wenig Zeit läuft das Sammelpostfach über.

Übertragen statt Prüfen

Der Engpass ist selten die Entscheidung als Kür, sondern das sture Abtippen als Pflichtaufgabe: Daten aus Mail und Anhang von Hand ins System bringen. Diese Arbeit skaliert nur über Personen – und genau diese fehlen gerade.

Wichtig hierbei: Der wachsende Stapel altert nicht neutral. Skontofristen laufen ebenso aus wie Bindefristen von Angeboten und Vertriebschancen verpuffen mit der Zeit. Dies kostet den möglichen Skontoabzug, den möglichen Umsatz oder die Kundenzufriedenheit. Der Stau kostet somit Zeit, Geld und belastet Kundenbeziehungen.

Alle drei Muster haben eines gemeinsam: Mehr Personal löst sie nicht. Eine zusätzliche Person im Innendienst macht den Stapel kleiner, aber das Kopf-Wissen bleibt Kopf-Wissen, das Postfach bleibt unstrukturiert, und abgetippt wird weiterhin. Deshalb ist die Frage nach der Urlaubsvertretung in Wahrheit eine Prozessfrage – keine Personalfrage.


Krankheit: der Test ohne Ansage

Der Urlaub ist die Prüfung mit Ansage: Es gibt ein Datum, eine Übergabe, im besten Fall eine Checkliste. Krankheit kommt ohne Vorlauf – keine Übergabe, kein aufgeräumtes Postfach, und die Frage „Wo steht eigentlich was?“ stellt sich ab der ersten Stunde. Ein Team, das die Urlaubszeit nur dank guter Vorbereitung übersteht, hat den eigentlichen Test also noch vor sich.

Und das ist kein seltener Fall: Beschäftigte waren 2025 im Schnitt 19,5 Kalendertage krankgeschrieben, wie die DAK-Krankenstandsanalyse zeigt. Rechnet man rund 30 Urlaubstage dazu, heißt das überschlagen: In einem fünfköpfigen Innendienst ist häufig mindestens eine Person nicht da. Ein Belegprozess, der volle Besetzung voraussetzt, ist damit nicht im Juli unterbesetzt – er ist es das ganze Jahr.

67 %
der Berufstätigen sind im Sommerurlaub dienstlich erreichbar (Bitkom, 2025)
19,5
Kalendertage war jede beschäftigte Person 2025 im Schnitt krankgeschrieben (DAK)

Damit ändert sich auch die Konsequenz aus dem Selbstcheck: Eine gute Übergabe-Checkliste hilft nur bei geplanter Abwesenheit. Struktur – klare Zuständigkeit, dokumentierte Regeln, ein Postfach mit sichtbarem Status – hilft immer.


Wie Sie das konkret angehen können

Jetzt mitten in der Urlaubsphase ein Verbesserungsprojekt zu starten – dafür fehlen ggf. genau die Leute, die es unterstützen und müssten. Sinnvoller ist ein einfacher Dreischritt:

1

Jetzt: primär beobachten

Den Selbstcheck von oben durchgehen und festhalten, was sich staut. Kein aufwändiges Projekt, keine finale Entscheidung – nur eine ehrliche Momentaufnahme.

2

Nach der Urlaubszeit: einen konkreten Fall – z.B. die Angebotserstellung aus Anfragen – angehen

Den Typ, der sich zuerst gestaut hat, strukturieren: Zuständigkeit klären, Kopf-Wissen in nachvollziehbare Regeln und Systeme bringen. Das reicht für den Anfang als Beweis der Machbarkeit.

3

Nächsten Urlaubsphase: vergleichen

Die Urlaubszeit kommt verlässlich wieder – und wird zum Maßstab: Staut sich derselbe Belegtyp wieder, oder läuft er diesmal auch mit geringerer Besetzung?

Ob klar definierte Regeln schon reichen oder weitere Automatisierung sinnvoll ist, hängt vom Einzelfall ab – eine Einordnung dazu finden Sie in Automatisierung oder KI-Agent?. Und wer sehen möchte, wie automatische Belegerkennung Absender-Eigenheiten in Regeln statt in Köpfen hält, findet in viamind Flow ein konkretes Beispiel.

Fazit

Die Urlaubszeit oder Krankheitsfälle lassen sich nicht wegoptimieren – und das ist auch nicht das Ziel. Sie ist ein kostenloser Stresstest, den Ihr Belegprozess jedes Jahr durchläuft, ob Sie hinsehen oder nicht. Und was im Juli der Urlaub ist, ist im November die Grippewelle – nur ohne Vorwarnung. Der Unterschied liegt allein darin, ob jemand die Ergebnisse festhält. Werfen Sie diese Woche einen Blick ins Sammelpostfach: Welche Mails stapeln sich bei Ihnen gerade – und auf wen warten sie?

Möchten Sie unsere Meinung und konkrete Tipps zu Ihren Erkenntnissen?

Wenn Sie Ihre Notizen aus dem Selbstcheck einordnen möchten, tauschen wir uns gern unverbindlich darüber aus – welcher Belegtyp sich bei Ihnen zuerst staut und was daraus folgt.

Philipp Reitzmann

Philipp Reitzmann

Gründer bei viamind, Schwerpunkt Projektleitung & Delivery. Viele Jahre Erfahrung in ERP- und Digitalisierungsprojekten im Handel – und damit einen geübten Blick dafür, an welchen Stellen Prozesse nur dank der Menschen funktionieren, die sie täglich ausgleichen.

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