Strategie

Wie viel Zeit und Geld kostet Sie eine eingehende E-Mail Bestellung wirklich? Minuten × Anzahl × Lohn

Kosten der manuellen Auftragserfassung: Taschenrechner mit E-Mail-Symbol
Philipp Reitzmann

Philipp Reitzmann

Gründer

21. Juli 2026
8 Min. Lesezeit

Fragen Sie die Geschäftsführung, was der Firmenwagen im Monat kostet, kommt die Antwort auf den Euro genau. Fragen Sie, was die manuelle Auftragserfassung der E-Mail-Bestellungen kostet, wird es still. Nicht aus Nachlässigkeit – die Zahl steht schlicht in keiner Auswertung. Sie versteckt sich in Gehältern, verteilt über mehrere Köpfe, viele Minuten und jeden einzelnen Arbeitstag.

Wie unübersichtlich der Posteingang im Handel geworden ist, haben wir in E-Mail-Flut im Handel beschrieben. Dieser Beitrag macht daraus für Sie eine konkrete Zahl, die Sie ganz einfach in 10 Minuten nachrechnen können: Ø Bearbeitungszeit pro Mail in Minuten (Minuten) mal Anzahl Mails (Anzahl) mal Ø Stundenlohn (Lohnkosten).

Warum diese Zahl in keiner Auswertung steht

Kosten fallen dann auf, wenn sie eine Rechnung erzeugen. Software-Lizenzen, Frachten, Energie – alles hat einen Beleg und damit eine Zeile im Controlling. Die manuelle Auftragserfassung erzeugt keinen Beleg. Sie ist Arbeitszeit: E-Mail öffnen, Anhang aufmachen, Positionen lesen, Artikelnummern zuordnen, ins System tippen, kontrollieren. Drei Minuten hier, zehn Minuten dort, verteilt über den ganzen Tag und mehrere Personen.

Genau diese Verteilung macht die Kosten unsichtbar. Keine einzelne Bestellung tut weh. Kein Monatsabschluss weist „Erfassungsaufwand“ aus. Und weil die Arbeit schon immer so lief, gilt sie als Fixum des Geschäfts – wie das Wetter. Dabei ist sie eine der wenigen Kostenpositionen, die sich mit drei Zahlen überraschend präzise beziffern lässt.

Eine sehr wichtige Kennzahl im Unternehmen, die in keiner Auswertung auftaucht.


Die Rechnung: Minuten × Anzahl × Lohn

Gehen wir diese drei Faktoren einmal durch:

Minuten pro Bestellung

Vom Öffnen der Mail bis zur fertigen Erfassung im System – inklusive Anhang öffnen und ablegen, Artikelnummern suchen und zuordnen, Kollegen nach Sonderpreisen fragen und dem obligatorischen Kontrollblick. Stoppen Sie zehn typische Bestellungen und nehmen Sie den Mittelwert, nicht den besten oder schlechtesten Fall.

Anzahl pro Monat

Wie viele Bestellungen kommen per E-Mail herein? Im mittelständischen Großhandel gehen typischerweise 50–300 Bestellungen pro Tag ein, davon laut ibi research rund 30–40 % per E-Mail. Im Rechenbeispiel unten arbeiten wir mit 50 E-Mail-Bestellungen pro Arbeitstag – eine begründete Schätzung, kein direkter Studienwert. Ihr Postfach kennt Ihre Zahl: eine Suche über den letzten Monat reicht. Zählen Sie ehrlich: auch die Fotos vom Lieferschein und die Excel-Anhänge.

Lohnkosten pro Stunde

Nicht das Bruttogehalt, sondern die Arbeitskosten. Laut Destatis kostete eine geleistete Arbeitsstunde 2025 gesamtwirtschaftlich 45,00 Euro. Für den Großhandel weist die amtliche Arbeitskostenerhebung 36,66 Euro (2020) aus – fortgeschrieben auf 2025 rund 44 Euro. Rechnet man die Gemeinkosten für Arbeitsplatz, IT und Verwaltung hinzu (rund 20 %), lägen beide Wege bei 53 bis 54 Euro. Wir rechnen hier bewusst konservativ mit 45 Euro.

50

Bestellungen / Tag

×

8 Min

pro Bestellung

×

45,00 €

je Stunde

=

≈ 6.000 €

pro Monat

50 Bestellungen / Tag oder 1.000 pro Monat × 8 Min = 8.000 Minuten ≈ 133 Stunden pro Monat, mal 45,00 € Arbeitskosten je Stunde. Das entspricht rund einer Vollzeitstelle: Nach Urlaub, Feiertagen und Krankheit leistet eine Vollzeitkraft etwa 137 Stunden im Monat.

≈ 72.000 € / Jahr≈ 6 € / Beleg≈ 1 Vollzeitstelle

Die 8 Minuten sind Erfahrungswerte aus der Praxis unserer Kunden, keine empirische Studie – genau deshalb sollten Sie die Rechnung mit Ihren eigenen Werten führen. Das Ergebnis fällt je nach Sortiment und Absenderstruktur anders aus: Wer viele Ein-Positions-Bestellungen von Stammkunden bekommt, liegt darunter. Wer Fließtext-Bestellungen, fremde Artikelnummern und Anhänge in allen Formaten verarbeitet, liegt spürbar darüber.


Was die einfache Rechnung unterschätzt

Minuten × Anzahl × Lohn ist bewusst konservativ – die Formel erfasst nur die reine Erfassungszeit. Vier Posten kommen im echten Betrieb dazu, und keiner davon ist klein:

  • Fehler und ihre Folgekette

    Beim Abtippen passieren Übertragungsfehler – falsche Menge, falsche Artikelnummer. Jeder davon kostet ein Vielfaches der Erfassungszeit: Kundengespräch, Korrektur, Gutschrift, im schlimmsten Fall eine Retoure.

  • Rückfragen und Unterbrechungen

    Unklare Positionen erzeugen Rückfragen bei Kollegen, Telefonate und Mail-Pingpong – und jede Unterbrechung kostet zusätzlich die Zeit, wieder in die eigentliche Aufgabe hineinzufinden.

  • Abwesenheit

    Die Formel rechnet mit voller Besetzung. Was passiert, wenn zwei von fünf Personen fehlen, haben wir in Was die Urlaubszeit über Ihre Belegprozesse verrät beschrieben: Stau, Fristverluste und Rückstände, die nachgearbeitet werden.

  • Der Preis der gebundenen Zeit

    Die Stunde, die eine erfahrene Innendienst-Kraft mit Abtippen verbringt, fehlt dort, wo sie Umsatz bringt: bei der Beratung, beim Angebot, beim Nachfassen. Dieser Posten steht auf keiner Rechnung – er ist trotzdem der größte.

Der letzte Punkt verdient eine eigene Betrachtung, denn er ist der eigentliche Kern. Die manuelle Erfassung beansprucht nicht irgendeine Arbeitszeit, sondern die knappste Ressource im Haus: erfahrene Innendienst-Fachkräfte, die Kunden kennen, Sonderfälle lösen und Fehler abfangen. In einem Markt, in dem qualifiziertes Personal ohnehin schwer zu finden ist, entscheidet nicht die Zahl der Köpfe, sondern wofür ihre Zeit draufgeht. Jede einfache Bestellung, die von Hand abgetippt wird, bindet genau die Menschen, die an der Kundenfront am meisten bewegen. Und wer diese Zeit dauerhaft mit Routine füllt, riskiert mehr als Opportunitätskosten: Monotones Abtippen ist genau die Arbeit, wegen der qualifizierte Kräfte irgendwann gehen.

Neben den Euro pro Beleg läuft eine zweite Rechnung ohne Währung: Jede einfache Bestellung bindet eine Fachkraft, die an anderer Stelle fehlt.


Was die Zahl bedeutet – und was nicht

Wichtig: Sie ist kein Vorwurf an den Innendienst und kein Einsparziel in Vollzeitstellen. Die Menschen, die heute Belege erfassen, sind dieselben, die Kunden kennen, Sonderfälle lösen und Fehler abfangen – dieser Teil ihrer Arbeit wird wertvoller, nicht überflüssig.

Was die Zahl leistet: Sie gibt einer Verbesserung erstmals einen Rahmen. Solange die Erfassung „nichts kostet“, ist jede Investition in den Posteingang zu teuer. Sobald sie beziffert ist – ob bei Ihnen 1.500 (=20 Bestellungen á 5 Minuten) oder 13.500 Euro (=100 Bestellungen á 9 Minuten) im Monat herauskommen –, lässt sich nüchtern vergleichen: Was kostet der heutige Prozess, was kostet eine Alternative, und ab wann rechnet sich der Wechsel? Und die Zahl steht nicht still: Sie wächst mit dem Bestellvolumen – was heute eine halbe Stelle kostet, ist bei doppeltem Volumen eine ganze, solange der Prozess derselbe bleibt. Fällt die Zahl klein aus, ist auch das ein Ergebnis: Dann ist der Posteingang gerade nicht Ihre wichtigste Baustelle, und Sie haben es schwarz auf weiß.

Fazit

Minuten × Anzahl × Lohn – die Rechnung einfach und fair, sie kostet eine Woche Beobachtung und ein paar Minuten mit dem Taschenrechner, und sie verwandelt ein diffuses Bauchgefühl („der Posteingang frisst uns auf“) in eine Zahl, mit der sich arbeiten lässt. Wie sich die Minuten pro Beleg technisch reduzieren lassen, zeigt unsere automatische Belegerkennung (viamind Flow) – aber das ist Schritt zwei. Schritt eins ist die Zahl. Rechnen Sie diese Woche?

Ihre Rechnung ergibt eine unbequeme Zahl?

Sie möchten Ihr Ergebnis einordnen oder suchen nach der richtigen Stellschraube? Dann tauschen wir uns gerne unverbindlich darüber aus.

Philipp Reitzmann

Philipp Reitzmann

Gründer bei viamind, Schwerpunkt Projektleitung & Delivery. Viele Jahre Erfahrung in ERP- und Digitalisierungsprojekten im Handel – und ein Faible für Prozesskosten, die in keiner Auswertung stehen.

Weiterlesen: Was die Urlaubszeit über Ihre Belegprozesse verrät